Direkt zum Inhalt
gegen den zeitgeist
Antaios, Smarte Welt, Kaplaken, Buchcover von Smarte Welt von Lichtmesz
Veröffentlicht: 05.04.2026

Nach langer Zeit wieder ein interessantes und spannendes Sachbuch. Der im Antaios Verlag erschienene Titel "Smarte Welt" von Martin Lichtmesz, gibt alles her, was ein gutes Buch bieten sollte: gut geschrieben, übersichtlicher und klarer Aufbau, spannende Beispiele und eine nonkonformistisch-kritische Herangehensweise ans Thema. 

Schlafwandler mit gesenkten Köpfen

Das Thema ist der smarte, digitale Medienkonsum der Jugend und seine Folgen. Schon das Leitzitat des Vorworts gibt die Richtung an. Das Zitat "Ich sehe immer mehr von diesen seltsamen Leuten" (aus dem Film "Die Körperfresser kommen"), lässt erahnen, dass im folgenden Text auch mit den Mitteln der beißenden Satire über das skurrile Erscheinen der postmodernen Mediennutzer im öffentlichen Raum gesprochen wird. Lichtmesz beschreibt die öffentlichen Handy-Nutzer als "Schlafwandler mit gesenkten Köpfen", den rechten Arm typisch abgewinkelt, der das Smartphone ans Ohr presst. Sie erscheinen mit "deprimierender Zuverlässigkeit", wenn man das Haus verlässt oder ein öffentliches Verkehrsmittel besteigt und wirken wie die Teilnehmer an einer "synchronisierten Zombie-Apokalypse", die mit "hypnotisch absorbierten Gesichtsausdruck" in ihr Gadget starren oder hinein murmeln. Die Szenerie erscheint visuell und habituell gleichgeschaltet zu sein. Aber wir finden im Werk von Martin Lichtmesz nicht nur die erstaunliche Sprachakrobatik eines versierten Schreibers, der mit allen Wassern der literarischen Sprache gewaschen ist. Es werden auch wissenschaftliche Fakten und Theorien gebracht, die sich auf die rezenten Standardwerke zum Thema juveniler Medienkonsum beziehen. 

Spiele-basierte Freizeit versus Smartphone-basierte Freizeit

Im Mittelpunkt dabei das grandiose Buch "Generation Angst" des Amerikaners Jonathan Haidt. Dieser unterscheidet zwischen einer "Spiele-basierten" Freizeit, die Spaß, Geselligkeit und soziales Lernen ins Leben von jungen Menschen bringt und einer "Smartphone-basierten" Freizeit, die häufig in Isolation, sozialer Inkompetenz und Mediensucht endet. Jugendliche hatten in den 1990er Jahren noch eine durchschnittliche Medienzeit von zwei Stunden am Tag. Heute sprechen Studien von "sechs bis acht Stunden bildschirmbasierter Freizeit". Tatsächlich soll es aber mehr sein. Bis zu zwischen zehn und dreizehn Stunden gehen manche Schätzungen. Nach Lichtmesz saugen die Bildschirme die Wirklichkeit wie Vampire auf. Immer mehr bestimmen digitale "Second-Hand-Erfahrungen" das Weltbild der Jugendlichen, immer weniger das unmittelbare eigene Erleben. Und der fehlende direkte Kontakt zum Mitmenschen führt zu gravierenden sozialen Defiziten, vor allem der Unfähigkeit zur erfüllenden direkten Kommunikation. Während die Online-Gespräche in der Regel ohne Probleme funktionieren, ist der unmittelbare zwischenmenschliche Kontakt schwerstens gestört und häufig mit Angst besetzt. Junge Menschen leiden heute mehr denn je unter sozialen Ängsten, deren Folge Kontaktvermeidung und Rückzug sind. 

Die Tendenz zur konformistischen Jugend

Was wir schon lange wissen, darauf verweist auch Martin Lichtmesz in seinem Buch, die Tendenz zum Konformismus unter der postmodernen Jugend. Von der Bilderwelt der sozialen Medien geht ein erbarmungsloser Konformitätsdruck aus, der beim Symbolischen und Ästhetischen beginnt, sich aber im weiteren Verlauf auch hinein ins Innenleben fortsetzt und Werte und Weltanschauungen ergreift. Die neuen Medien produzieren Duckmäuser und Mitmacher, die ängstlich den eigenen Vorteil suchen und deren Innenleben das Körperbild widerspiegelt, das sie in der Öffentlichkeit zeigen, schlafwandlerische Gebücktheit, die ständig zur Unter- und Einordnung bereit ist. Doch die Unterwerfung unter die Regeln einer "Transparenz- und digitalisieren Informationsgesellschaft" macht nicht glücklich. Im Gegenteil, unter der Jugend finden sich Depressionen, Angststörungen und kognitive Probleme in einem Ausmaß, das uns bisher noch nicht bekannt war. Darüber hinaus lassen Studien befürchten, dass die modernen Problembereiche Genderdysphorie und Transgender über Social Media vermittelt und getriggert werden. 

Neuverdrahtung der Gehirne

Die digitalen Bildmedien greifen tief in das neuronale Innenleben der jungen Menschen ein. Es kommt, so Jonathan Haidt, zu einer irreversiblen Neuverdrahtung des Gehirns. Die neu verdrahteten Gehirne weisen eine Präferenz für Praktiken der "Hyper Attention" auf, eine neue Aufmerksamkeitsdisposition, die darauf gerichtet ist, viele Informationen aufzunehmen, aber durchgehend an der Oberfläche der Sachverhalte bleibt. Die alte Wahrnehmungsweise der "Deep Attention", mit der zentralen Fähigkeit zur langanhaltendenden Konzentration auf ein Medium und ein Thema, geht nach und nach verloren. Im Modus der "Hyper Attention" arbeitende Gehirne verlieren die Fähigkeit, dicke Romane wie "Der Zauberberg" von Thomas Mann zu lesen. Dafür fehlen Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit. Eher sind sie dafür adaptiert, den Bildersturm von TikTok wohlig wie eine warme Dusche über die Gehirnoberfläche laufen zu lassen. Sie sind dann zwar gut unterhalten, bleiben aber ungebildet. 

Popkultur ohne Zeitstil

Die digitalen Medien verändern alles. Auch die Popkultur ist nicht mehr das, was sie einmal war. So gibt es keinen "Zeitstil" mehr. An dessen Stelle ist eine bunte Collage aus neu verarbeiteten alten Material getreten. Begriffe wie Remixing, Recycling und Sampling beherrschen die rezente Populär-Kultur. Aber die Popkultur scheint auch einem Qualitätsverlust zu unterliegen. Wahrscheinlich deshalb, weil sie heute, mit Hilfe digitaler Apparate, zu leicht zu produzieren ist und durch das Überangebot der digitalen Plattformen auch zu leicht zu konsumieren ist. Ergebnis ist die Dominanz von Produktionen, die weder gut noch schlecht sind. Sie sind irgendwo im Niemandsland zwischen "Gut und Böse" als langweilige Fließbandprodukte angesiedelt. Taylor Swift ist ein Prototyp dieser neuen Musikkultur, die primär unterkomplexe Gefälligkeit ohne Tiefgang präsentiert. 

Der "Mainstream der Minderheiten" 

Was sich darüber hinaus zeigt, ist ein Phänomen, das wir "Mainstream der Minderheiten" nennen können. Die Popkultur verliert sich in einer unübersichtlichen Vielfalt von unzähligen Nischen, die aber dennoch eine Einheit der Zersplitterung darstellen. Der Autor verweist hier auf den Begriff "gegenstrebige Fügung", den Heraklit geprägt hat. Was ist nun das Wesen der aktuellen Kultur, des gegenwärtigen Zeitgeistes? Martin Lichtmesz bringt es fulminant auf den Punkt. Egal was man hört, wie man sich kleidet, was man glaubt, Hauptsache, man fügt sich ein. 

Die sanfte Versklavung 

Die Subsumierung des Menschen unter den hegemonialen Zeitgeist erfolgt nicht mehr brachial mit der Hilfe von Polizeigewalt. Im Gegenteil, der Mensch wird subtil mit Hilfe von Propaganda und Manipulation in das System integriert. Lichtmesz spricht hier von einer Form der "sanften Versklavung". Das Problem für Bewegungen, die einen gesellschaftsverändernden Anspruch haben, besteht aber nun darin, die Menschen davon zu überzeugen, dass es überhaupt den Versuch einer "smarten" Subsumption unter ein Machtverhältnis gibt. Denn die Herrschaftsmittel sind heute so subtil, dass viele gar nicht bemerken, wie sie in die hegemonialen Denkweisen und Strukturen "eingearbeitet" werden. Das apokalyptische Szenario, wie sie die "Klimawandelpropheten ausmalen", ist vergleichsweise um vieles leichter zu vermitteln, weil es dramatische Bilder evoziert.  

Das Buch ist genial. Man muss es kaufen

Zum Schluss. Das Buch ist genial. Es ist mit Leichtigkeit geschrieben und liest sich deshalb auch entsprechend. Schwere Theorien scheinen sich wie von selbst zu vermitteln. Sie fliegen dem Leser förmlich zu und er kann sie absorbieren, ohne das er sich übermäßig anstrengt. Trotzdem hat das Buch eine erstaunliche Tiefe, die erst auffällt, nachdem man es durchgearbeitet hat und zurückblickt. Ohne es zu bemerken, hat man sich die gesamte Welt des zeitgenössischen Diskurses über neue Medien und ihre Wirkung auf die heute lebenden Menschen angeeignet. Erschienen ist das Buch im Verlag Antaios in der Reihe "Kaplaken", eine Reihe, die in unsere schnelllebige Zeit passt, weil sie kurze aber ungemein gehaltvolle Texte zur Verfügung stellt, die sich mit geringem Zeitaufwand überwiegend leicht erschließen lassen. Meine Empfehlung: Unbedingt kaufen und lesen.